Warum sich Fütterungsmythen bei Pferden so hartnäckig halten
Die Pferdefütterung gehört zu den meistdiskutierten Themen im gesamten Reitsport, und Stallalltag. Und obwohl die tiermedizinische Forschung in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat, halten sich viele veraltete Annahmen bis heute. Solche Fütterungsmythen werden oft einfach weitergegeben, von Stall zu Stall, von Generation zu Generation, und haben dabei häufig wenig mit aktueller Wissenschaft zu tun. Genau das kann jedoch zu unausgewogenen Rationen, Verdauungsproblemen und langfristigen gesundheitlichen Schäden führen. Die moderne Pferdeernährung, wie sie unter anderem durch den National Research Council (NRC), die American Association of Equine Practitioners sowie Kentucky Equine Research unterstützt wird, zeigt mittlerweile sehr klar, wie Pferde wirklich optimal gefüttert werden sollten, um gesund und leistungsfähig zu bleiben.
Die Wissenschaft hinter der Pferdeernährung
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Pferdefütterung zeigen deutlich, dass Pferde sogenannte Nicht-Wiederkäuer-Pflanzenfresser sind, die darauf ausgelegt sind, über den Tag verteilt ständig kleine Mengen rohfaserreicher Nahrung aufzunehmen. Ihr Verdauungssystem basiert vor allem auf der Fermentation im Dickdarm, bei der Rohfaser in nutzbare Energie umgewandelt wird. Die Veröffentlichung „Nutrient Requirements of Horses“ des National Research Council gilt bis heute als eines der wichtigsten Standardwerke in der Pferdeernährung und bildet die Grundlage vieler moderner Fütterungsempfehlungen weltweit. Aktuelle Forschung bestätigt immer wieder: Die Basis jeder gesunden Pferderation sollte Raufutter sein, während Kraftfutter und Ergänzungsfuttermittel nur gezielt und individuell eingesetzt werden sollten.
Fütterungsmythos: Pferde brauchen Getreide für Energie
Einer der am weitesten verbreiteten Irrtümer ist die Annahme, dass Pferde zwingend Getreide brauchen, um genug Energie zu bekommen, besonders bei Sportpferden. Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Studien, dass Pferde ihre Energie überwiegend aus der Fermentation von Rohfaser im Dickdarm gewinnen und nicht aus stärkehaltigem Kraftfutter wie Getreide. Getreide kann zwar schnell verfügbare Energie liefern, ist aber für die meisten Pferde nicht notwendig und kann bei übermäßiger Fütterung sogar das Risiko für Koliken oder Stoffwechselstörungen erhöhen. Eine gut abgestimmte, raufutterbasierte Fütterung mit hochwertigem Heu oder Weidegras reicht in vielen Fällen vollkommen aus, selbst bei aktiven Pferden.
Fütterungsmythos: Mehr Protein bedeutet mehr Muskeln
Ein weiterer verbreiteter Irrglaube ist, dass mehr Protein automatisch zu mehr Muskelaufbau führt. Die Realität ist jedoch deutlich komplexer. Muskelaufbau hängt in erster Linie von regelmäßigem Training, einer ausreichenden Energieversorgung und einem ausgewogenen Aminosäureprofil ab, insbesondere von Lysin. Überschüssiges Protein wird nicht in Muskelmasse umgewandelt, sondern abgebaut und über den Stoffwechsel ausgeschieden, was wiederum den Wasserbedarf erhöhen und den Organismus unnötig belasten kann. Forschungsergebnisse, unter anderem von Kentucky Equine Research, zeigen klar, dass die Qualität und Balance der Aminosäuren entscheidender ist als die reine Proteinmenge.
Fütterungsmythos: Pferde brauchen Obst und süße Leckerlis
Viele Pferdebesitzer gehen davon aus, dass Karotten, Äpfel und andere süße Snacks ein wichtiger Bestandteil der Pferdeernährung sind. Zwar sind diese Futtermittel in kleinen Mengen unproblematisch, sie sind jedoch aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht notwendig. Pferde benötigen keine zuckerreichen Futtermittel für ihre Gesundheit oder ihr Wohlbefinden. Ein übermäßiger Verzehr kann besonders bei stoffwechselempfindlichen Pferden das Risiko für Insulinresistenz oder Hufrehe erhöhen. Aus wissenschaftlicher Sicht sollten Leckerlis daher nur gelegentlich und in sehr begrenztem Umfang gegeben werden.
Fütterungsmythos: Zwei Mahlzeiten am Tag reichen aus
Viele klassische Fütterungssysteme basieren darauf, Pferde zweimal täglich zu füttern, morgens und abends. Dieses Muster entspricht jedoch nicht dem natürlichen Fressverhalten des Pferdes. Pferde sind Dauerfresser, die über viele Stunden hinweg kleine Mengen Raufutter aufnehmen, oft bis zu 16 bis 18 Stunden am Tag. Längere Fresspausen können zu einer erhöhten Magensäureproduktion führen und damit das Risiko für Magengeschwüre und Koliken deutlich steigern. Aktuelle Empfehlungen, unter anderem der American Association of Equine Practitioners, betonen deshalb die kontinuierliche Versorgung mit Raufutter als zentrale Grundlage der Pferdegesundheit.
Fütterungsmythos: Im Winter brauchen Pferde mehr Getreide
Ein häufig gehörter Satz im Stall ist, dass Pferde im Winter mehr Getreide brauchen, um warm zu bleiben. Wissenschaftlich betrachtet stimmt das jedoch nicht. Die Wärmeproduktion des Pferdes entsteht hauptsächlich durch die Fermentation von Rohfaser im Dickdarm und nicht durch die Verdauung von Stärke. Eine erhöhte Heugabe ist daher deutlich effektiver, um die Körpertemperatur in der kalten Jahreszeit zu unterstützen. Die Verdauung von Faserstoffen erzeugt dabei sogar selbst Wärme im Körper und macht Raufutter zum wichtigsten Energielieferanten im Winter.
Fütterungsmythos: Jedes Pferd braucht Nahrungsergänzungsmittel
Die stark gewachsene Ergänzungsfutterindustrie führt oft zu der Annahme, dass jedes Pferd zusätzliche Vitamine, Mineralstoffe oder spezielle Zusätze benötigt. Tatsächlich ist das in den meisten Fällen nicht notwendig. Eine gut zusammengestellte, raufutterbasierte Ernährung deckt den Bedarf vieler Pferde bereits vollständig ab. Ergänzungen sind in der Regel nur dann sinnvoll, wenn nachweisbare Mängel vorliegen, die Leistung deutlich erhöht ist oder besondere Lebensphasen wie Trächtigkeit oder Wachstum vorliegen. Ungezielte Supplementierung kann sogar das Nährstoffgleichgewicht stören, weshalb eine tierärztliche oder ernährungswissenschaftliche Beratung vor der Gabe sehr wichtig ist.
Pferdefütterung auf Basis von Wissenschaft statt Tradition
Der Unterschied zwischen Fütterungsmythen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist entscheidend für die langfristige Gesundheit von Pferden. Moderne Forschung unterstützt klar eine raufutterbasierte, ausgewogene und individuell angepasste Fütterung statt verallgemeinerter Regeln aus alten Stalltraditionen. Wer sich an wissenschaftlich fundierte Quellen wie den NRC, die American Association of Equine Practitioners oder Kentucky Equine Research hält, kann die Verdauung, Leistungsfähigkeit und das allgemeine Wohlbefinden seines Pferdes deutlich verbessern.
Pferdefütterung ist keine Frage von Tradition, sondern von Biologie, Stoffwechselverständnis und moderner Veterinärwissenschaft.
Sources
National Research Council (NRC)
American Association of Equine Practitioners (AAEP)
Kentucky Equine Research (KER)
The Horse
Purdue University – Department of Animal Sciences
University of Kentucky – Equine Programs


